Am Anfang war ein Wort

Ja, und dazu noch ein falsch geschriebenes: AИA. Es muss irgendwo zwischen meinem 4. und 5. Geburtstag gewesen sein. Irgendwann im Jahr 1973. Ich lebte damals noch bei meinen Großeltern in Istanbul. Meine Eltern waren 1969 kurz nach meiner Geburt ohne mich nach Deutschland ausgewandert. Die Souterrain-Wohnung unseres Hauses in Istanbul lag im Stadtteil Beşiktaş (sprich: Beschiktasch), knapp 500 Meter Luftlinie vom Ufer des Bosporus entfernt. Dorthin gingen wir oft spazieren. Besonders schön war es im März oder April, wenn die Frühlingssonne das Thermometer erstmals über 20°C klettern ließ. Oder aber gegen Ende September, wenn die ganz heißen Sommertage meistens vorbei waren.

Von Schiffen und kribbelnden Kinderbäuchen

Ich konnte mich nicht sattsehen an den riesigen Schiffen, die die Meerenge zwischen Europa und Asien in beiden Richtungen rauf und runter kreuzten. Die einen kamen vom Schwarzen Meer, die anderen von den Dardanellen. Und wenn ab und zu das Schiffshorn eines der dicken Pötte dröhnte, wurde es so laut, dass der Lärm für einige Sekunden alle Geräusche der großen Stadt unter sich begrub wie eine viel zu schwere Bettdecke. Immer wenn die Schallwelle meinen kleinen Körper erreichte, fing mein Bauch wohlig an zu kribbeln. Genau für diesen Moment hatte es sich gelohnt, an den Bosporus zu kommen.

Bohrende Fragen

Mit der Zeit sollte aber meine Begeisterung für Schiffe nachlassen. Und das hatte einen guten Grund. Es gab da nämlich seit Neuestem etwas, das mich zunehmend in seinen Bann zog: Buchstaben. Diese geheimnisvollen Zeichen, die mal in kleinen mal größeren Gruppen zusammenstanden und aus denen viele Menschen sich offensichtlich einen Reim machen konnten. Ich wollte das unbedingt auch. Und so wurde ich zur Plage der Erwachsenen um mich herum. Kein Werbeplakat, kein Buchtitel, keine Zeitungsschlagzeile, die nicht vorgelesen und erklärt werden musste. Ich meine mir einzubilden, dass meine Oma seinerzeit immer seltener zu Nachmittagstees, Abendessen und derlei Zusammenkünften eingeladen wurde. Den Enkel direkt auszuladen wäre wahrscheinlich zu ungehobelt gewesen.

Klatsch, Tratsch und Minüre

Ich sollte meine Chance aber bekommen. Denn irgendwann waren wir doch noch einmal eingeladen, nachmittags zum Tee bei der Nachbarin aus dem Hochparterre. Meine Oma saß mit ihren Freundinnen, allesamt Damen so um die fünfzig, im Wohnzimmer und unterhielt sich angeregt: „Selma, soll ich dir mal wieder Blutegel ansetzen? Deine Krampfadern sehen ja schlimm aus!“ „Habt ihr schon gehört? Hilmi, der Mann von Kadriye, soll einen Herzinfarkt gehabt haben. Und der war doch immer so gesund.“ Ich indes hatte mir mein Opfer schon lange ausgeguckt: Minüre, die 12-jährige Tochter der Gastgeberin. Nachdem die Unglückselige mir mit Engelsgeduld unzählige Buchtitel vorgelesen hatte machte sie folgenden Vorschlag: „Komm mal mit. Ich erkläre dir das Alphabet.“

Meine kleine Revolution

Sie nahm mich ins Nebenzimmer, holte ein leeres Blatt und einen Bleistift hervor und fing an, das türkische Alphabet aufzuschreiben, einen Buchstaben nach dem anderen. (Anmerkung: Die Türken schreiben seit den 1920er Jahren, also seit Atatürks Reformen, mit lateinischen Buchstaben.) Ich schaute gebannt auf das sich füllende Blatt und hörte Minüres Ausführungen mit großen Augen zu: „Schau mal, das ist das B von Baba (Papa) und das hier ist das D von Dede (Opa).“ So gingen wir das gesamte Alphabet durch, von A bis Z, immer und immer wieder. Dann fragte sie mich ab: „Und was ist das nochmal für ein Buchstabe?“ Ich sog alles an Information wie ein ausgetrockneter Schwamm in mich auf und war fasziniert von den kleinen Zeichen, die langsam mit mir zu sprechen begannen.

Die Mutter aller Wörter

„Hast du gut gemacht. Nächstes mal machen wir weiter.“ Minüre strich mir sanft über den Kopf und ging zurück ins Nachbarzimmer, wo ihre Mutter mit den Freundinnen immer noch saß und redete. Ich aber blieb zurück und starrte stumm auf das Blatt und spürte, dass ich kurz davor war, es zu schaffen. Kurz davor, hinter das Geheimnis dieser Zeichen zu steigen, die begonnen hatten, Klang und Namen zu haben. Und so nahm ich den Stift in meine linke Hand und schrieb ein „A“. Dahinter setzte ich ein „И“ und dahinter noch ein „A“ und fertig war mein erstes Wort. Ich lief voller Stolz mit dem Zettel in der Hand ins Nachbarzimmer zu Minüre und zeigte ihr mein Werk: „Guck mal, ich habe „Mutter“ geschrieben. Ist das richtig?“ Minüre lächelte liebevoll: „Ja, fast. Du hast nur das „N“ verdreht. Schau mal so. Jetzt ist es richtig: ANA.“

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