Gamsberg – Swakopmund – Spitzkoppe – Erongo – Vingerklip – Kamanjab
1.057 km

Mittwoch, 25.10.2023: Die kalte Küste Namibias
Heute heißt es Abschied nehmen von unserer „kleinen“ Farm. Denn nun geht es wieder westwärts in die Zivilisation nach Swakopmund. Die vermeintlich gut ausgebaute Verbindungsstraße zur Atlantikküste erweist sich zu unserem Entsetzen als Wellblechpiste der übelsten Sorte. Über Stunden werden wir dermaßen durchgeschüttelt, dass Reifen, Stoßdämpfer und mein Magen an ihre Belastbarkeitsgrenze gelangen. Die Landschaft ist anfangs noch sehr bergig und wir kommen nach dem Überqueren des Kuiseb-Passes wieder in flacheres Gelände. Die Geröllwüste wandelt sich nach und nach zur kargen Mondlandschaft. Total unwirtlich, weder Baum noch Strauch. Ich schicke ein Stoßgebet zum Himmel, dass wir hier keine Panne haben. Als wir uns endlich der Küste nähern, fahren wir auf eine Nebelwand zu. Dünensand weht auf die Straße und kündigt den nahen Atlantik an. Wir erreichen Walvis Bay, eine Hochburg der Fischindustrie. Auf dem Reißbrett entworfen ist dieser Ort ein zusammen gewürfelter Haufen aus Industriegebäuden, Werften, Geschäften und einem großen Township. Beim Reinfahren in die Stadt erstreckt sich links neben der Straße eine riesige Lagune. Tausende von Flamingos leben dort. Ein kilometerlanger Streifen rosaroter Punkte begleitet uns. Jetzt noch die letzten 30 km Fahrt Richtung Norden am Meer entlang und es ist geschafft: Swakopmund begrüßt uns mit diesigem und kühlen Wetter. Unser erstes Ziel hier ist noch nicht der Campingplatz, sondern ein Geschäft für Campingbedarf. Richtig warme Schlafsäcke müssen her, darüber sind wir uns einig. Unser Sommerschlafsack wird kurzerhand ausgemustert, denn die namibischen Nächte sind kalt. Heute kuscheln wir uns selig in den Schlaf. (Autorin: Marion)
Donnerstag, 26.10.2023: Brot-Heimweh
Wenn ich im Ausland bin, gibt es nichts, das ich an Deutschland mehr vermisse, als gutes deutsches Brot. Ob Sauerteig oder Vollkorn, ob Roggen, Hafer oder Gerste. Alles außerhalb Deutschlands, also der gesamte Rest der Welt, ist für mich Brotnotstandsgebiet. Wäre Brotbacken eine olympische Disziplin, dann wäre das wie Rodeln oder (früher) Dressurreiten oder (noch früher) Biathlon: Wir hätten ein Abo auf Gold, Silber und Bronze. Jetzt kann man sich vielleicht vorstellen, mit welcher Gier ich heute Morgen in die Scheibe 5-Kornbrot eines Produzenten aus Delbrück im Paderborner Land biss. Ich konnte mein Glück kaum fassen, als ich das Brot gestern in einem gut sortierten Supermarkt fand. Aber Swakopmund ist eh die deutscheste Stadt Afrikas. Wenn Mallorca manchmal als das 17. deutsche Bundesland bezeichnet wird, dann könnte man Swakopmund nach Berlin, Hamburg und Bremen als so etwas wie den 4. deutschen Stadtstaat betrachten. Die deutsche Kolonialzeit hat nachhaltige Spuren im Stadtbild hinterlassen. Die Hotels tragen hier deutsche Namen wie „Zum Kaiser“ oder „Atlantik Sicht“ und die Bismarck Street darf natürlich auch nicht fehlen. Selbst einen Kindergarten „Löwenherz“ haben wir gefunden. Auch die Architektur erinnert manchmal an ein etwas in die Jahre gekommenes Nordseebad. Eines, dessen Einwohner heute aber überwiegend schwarz, jung und freundlich sind. (Autor: Burak)


Freitag, 27.10.2023: Der Mensch geht, die Welwitschie bleibt
Es ist 10 Uhr morgens und wir gehen die knarrenden Holzstufen des schon etwas heruntergekommenen Hauses an der Ecke Sam Nujoma Avenue / Bismarck Street hinauf. Kaum zu glauben, dass hier eine Niederlassung des namibischen Ministeriums für Umwelt und Tourismus ist. Was wir hier zu suchen haben? Wir wollen heute einen besonderen Ausflug machen, den Welwitschia Drive östlich von Swakopmund. Zum Betreten des Gebietes braucht man eine Erlaubnis, ein sogenanntes Permit. Das gibt uns die freundliche Dame in ihrem beengten Büro im 1. Stock nach Bezahlung der Nationalparkgebühr. Froh und überrascht, dass alles so reibungslos geklappt hat, steigen wir ins Auto und verlassen Swakopmund auf dem Weg in die Namib. Dieser Landstrich gleicht einer spektakulären Mondlandschaft, wie sie lebensfeindlicher kaum sein könnte. Und doch ist sie Heimat einer sonderbaren Pflanze, die es weltweit nur hier in dieser Gegend gibt. Die Welwitschie, benannt nach ihrem österreichischen Entdecker, sieht eher aus wie eine fast vertrocknete Agave. Ihre langen fleischigen Blätter liegen schlaff auf dem trockenen heißen Wüstenboden und sind an ihren Spitzen abgestorben. Zuhause würde man sie wahrscheinlich wegschmeißen. Aber nicht täuschen lassen! Dieses pflanzliche Fossil ist ein wahrer Überlebenskünstler. Jahre, ja sogar Jahrzehnte kommt sie ohne nennenswerte Regenfälle aus und lebt und lebt und lebt. Wie sie das macht, ist noch unklar. Wir fahren an Hunderten dieser botanischen Kuriositäten vorbei, bis wir am Ende vor dem Star des Tages stehen: Mehrere Meter im Durchmesser liegt sie wohlbehütet und umzäunt da, als würde sie stolz posieren, die größte Welwitschie der Welt. Geschätztes Alter: über 1.500 Jahre! (Autorin: Marion)
Samstag, 28.10.2023: Am Matterhorn Namibias
Mittlerweile sind wir echt im Training. Um 8 Uhr aufstehen, frisch machen, Frühstück zubereiten, frühstücken, Geschirr spülen, alle Sachen in den Wagen räumen, Zelt abbauen und schon sitzen wir um 9.30 Uhr im Auto und verlassen unser Nachtlager, das Camp Goanikontes in der Namib-Wüste. Unser heutiges Ziel die Spitzkoppe liegt etwa 130 km weiter nordöstlich und ist keine 2 Fahrstunden entfernt. Bei der Ankunft auf der Campsite, die von Einheimischen verwaltet wird, zeigt sich uns wieder ein ganz anderes Landschaftsbild. Mitten aus der weiten Ebene ragen majestätisch die rot schimmernden Granitberge der Spitzkoppe hervor. Da kaum Gäste da sind, können wir auf dem weitläufigen Gelände herumfahren und uns einen der ausgewiesenen Zeltplätze frei aussuchen. Wir haben Glück und entscheiden uns für einen besonders schönen Platz. Ab vom Schuss, ruhig und einsam gelegen, mit einem großen Kameldornbaum in der Mitte als Schattenspender und – jetzt kommt‘s – genau am Fuße der großen Spitzkoppe, einem 1.728 m hohen Granitgipfel, der als das Matterhorn Namibias bezeichnet wird. Nicht ganz so hoch wie sein alpiner Namensvetter, aber vielleicht genauso schön. Als wir unser Mittagessen kochen, bekommen wir tierischen Besuch. Erdhörnchen kommen aus ihrem Versteck und klettern mir sogar auf die Füße, um uns herum sind auf einmal ein Dutzend amselgroßer schwarzer Vögel und dann setzt sich auch noch stolz ein Nashornvogel auf einen Ast genau über meinem Kopf. Es könnte ja ein Krümelchen abfallen. Auf dem dicken Felsen genau vor meiner Nase sonnen sich einige Klippschliefer und beobachten uns aus sicherer Entfernung. Als ich mich am Nachmittag müde von der Hitze kurz für ein schattiges Nickerchen ins Zelt zurückziehe, höre ich nur noch meinen Atem, das leise Rauschen des Windes und das liebliche Zwitschern der Vögel aus dem Kameldornbaum über mir. Ein schöneres Einschlaflied kann man sich kaum vorstellen. (Autor: Burak)


Sonntag, 29.10.2023: Erste Risse
Ach du Schreck! Bei der morgendlichen Inspektion unseres Ford Ranger bleibt mein Blick am linken Hinterrad hängen. Ein 5 cm langer Riss auf der Seite des Reifens verheißt nichts Gutes. Noch haben wir zwar keinen Platten, aber wer weiß denn schon, wieviel Schotterpiste der Reifen noch verträgt? Sicher ist sicher. Deshalb wenden wir uns am Ausgang des Spitzkoppe-Camps an den Reifenservice vor Ort. Die Jungs sind fix drauf und nach 15 Minuten ist der Reifen geflickt. So fahren wir beruhigt los in Richtung Erongo-Gebirge. Es geht über kurvige Schotterpisten der Gebirgskette entgegen. Wir passieren mehrere kleine Dörfer, wo Kinder an der Straße stehen und den Touristen deuten anzuhalten. Turmalin-Schmuck, Holzschnitzarbeiten und handgemachte Püppchen werden an kleinen Ständen angeboten. Uns steht noch nicht der Sinn nach Souvenirs und so fahren wir weiter. Nach zwei Stunden erreichen wir unser Ziel, die Erongo Rocks Farm. Uns wird eine Campsite namens „Dik-Dik“ zugewiesen, benannt nach einer seltenen Antilopenart. Das Auffinden des Camps erinnert uns an eine Schnitzeljagd, da wir einer vagen Zeichnung folgen und mehrere Kilometer auf gottverlassener schlechter Piste suchen müssen. Dann sind wir endlich da und staunen nicht schlecht. Zwischen großen Granitfelsen ist ein komplettes Camp gebaut worden inklusive Grillplatz, Außenküche, Esstisch mit Stühlen. Und das Beste: ein Badezimmer im Freien mit Spültoilette und Eimerdusche. Wahnsinn! Die sengende Hitze heute setzt uns allerdings sehr zu. Draußen stürzen sich Ungezieferschwärme dermaßen auf uns, so dass wir uns nach einer erfrischenden Dusche ins Zelt zurück ziehen und Siesta halten. (Autorin: Marion)
Montag, 30.10.2023: Pralles Leben und grandiose Landschaften
Heute brechen wir bereits am frühen Morgen auf, da einige Erledigungen auf dem Plan stehen. Daher machen wir auch schon nach 40 km Halt in Omaruru, einem quicklebendigen Ort mit etwas über 6.000 Einwohnern, der entlang einer langen Hauptstraße angelegt ist. Direkt am Ortseingang steuern wir eine Tankstelle an, eigentlich nur zum Tanken. Doch die Tankwarte deuten sofort auf unseren geflickten Reifen hin und sagen, dass der nicht mehr lange durchhält. Also Reifen runter, neuer Ersatzreifen drauf, immerhin haben wir noch locker 4.000 km oder mehr vor uns. Die Menschen sind hier sehr hilfsbereit. Für den Reifenwechsel verlangen sie noch nicht mal Geld, also geben wir von uns aus ein üppiges Trinkgeld. In dem kleinen Ort pulsiert das Leben. Überall Menschen auf den Straßen und in den Geschäften. Im Supermarkt stocken wir unsere Vorräte auf. In der Schlange vor dem Geldautomaten lausche ich gebannt der Unterhaltung eines jungen Pärchens, deren Sprache voller Klick- und Schnalzlaute ist. Afrika-Feeling pur. Nachdem wir im schönen Garten eines Cafés zu Mittag gegessen haben, machen wir uns wieder auf den Weg. Es folgen über 100 km fast menschenleere Schotterpiste und am Ende noch eine steile Schwindel erregende Anfahrt, bis wir unsere Unterkunft erreichen. Heute übernachten wir nicht im Zelt, sondern in der Ugab Terrace Lodge, die wie ein Adlerhorst hoch oben auf einem Hügel thront. Von unserer Lodge aus blicken wir weit hinaus auf Tafelberge und Felsterrassen – eine grandiose Landschaft, die der mittlerweile ausgetrocknete Fluss Ugab in Jahrmillionen hier geschaffen hat. (Autor: Burak)


Dienstag, 31.10.2023: Stop heißt auch in Namibia Stop!
Nach dem Frühstück spazieren wir noch einmal für einen letzten Blick zum Aussichtspunkt neben unserer Lodge. „Hier hätte ich es noch länger ausgehalten“, seufze ich. Aber wir wollen weiter nördlich ins Damaraland fahren und so geht es wieder auf Pad. Die Damara gehören übrigens mit zu den frühesten Einwohnern Namibias, genaue Herkunft unbekannt. Zuerst fahren wir auf ungewohnt guter Teerstraße, dann geht es in Berg- und Talfahrt auf der unvermeidlichen Schotterpiste weiter. Die Landschaft wird immer lieblicher und grüner. Wir kommen an mehreren Rinderfarmen und Ziegenhirten mit ihren Herden vorbei. Wildtiere sehen wir bei unserer Fahrt übers Land hingegen kaum. Das liegt zum einen an den kilometerlangen Wildschutzzäunen, die sich durch ganz Namibia ziehen und den Tieren die Wanderwege abschneiden. Zum anderen aber hat seit Corona die Wilderei unter der verarmten Bevölkerung deutlich zugenommen. Nach 145 km Fahrt haben wir fast unser Ziel, die Kaoko Bush Lodge erreicht. Nur noch eben durch die Kleinstadt Kamanjab… Hoppla, war da nicht gerade ein Stoppschild? Zu spät! In diesem Moment hechtet von rechts ein Polizist aus dem Gebüsch und hebt die Hand. Wir halten kleinlaut an. Nachdem er uns etwas provokant fragt, was denn das Stoppschild in unserem Land für eine Bedeutung habe, verlangt er auch schon gleich Führerschein und Papiere. Burak erhält vom Polizisten eine kleine Belehrung und zeigt sich reumütig. Nach ein bisschen Smalltalk und Schilderung unserer Reisepläne dürfen wir dann zu unserer Freude ohne Bußgeld weiterfahren. Glück gehabt! (Autorin: Marion)
Highlight der Woche:
Campen an der Spitzkoppe
Bild der Woche:


Hallo ihr beiden,
ich bin erstaunt über euer Durchhaltevermögen …
Ihr fahrt jede Woche gute 1.000 Kilometer über die schwierigsten Pisten, teilweise abseits jeglicher Zivilisation, ihr campt nachts irgendwo im nirgendwo…habt ihr da manchmal auch ein mulmiges Gefühl?
Habt ihr jeden Ort genauso geplant oder lasst ihr euch auch einfach treiben und entscheidet spontan??
Bin gespannt auf weitere Berichte ??
Liebe Grüße Christina
Hallo Christina,
in der Tat ist uns auf den einsamen Campingplätzen manchmal mulmig zumute, obwohl Namibia als eines der sichersten Länder Afrikas gilt.
Für die ersten 5 Wochen unserer Reise hatten wir einen Teil der Unterkünfte schon vorgebucht. Bei einigen anderen haben wir uns spontan, teils noch am selben Tag, entschieden. Das geht ganz gut, da hier im Moment Nebensaison ist. In Woche 6 bis 8 haben wir vor, über den Caprivi-Streifen nach Botswana zu fahren und werden dann alles spontan buchen.
Viele liebe Grüße,
Marion und Burak