Kamanjab – Sesfontein – Opuwo – Epupa Falls – Ruacana – Hobatere Camp
969 km

Mittwoch, 01.11.2023: Endlich Giraffen!
Unsere Route führt uns heute von Kamanjab 230 km weiter gen Nordwesten tief ins Damaraland. Wir fahren auf breiter, gut befahrbarer Schotterpiste und kommen an Rinder- und Ziegenherden vorbei, die ganz entspannt auf der Piste trotten. Immer wieder schweift unser Blick über die für namibische Verhältnisse üppig bewachsene Baumsavanne. Aus dem Nichts tauchen zwei Giraffenjunge aus dem Gebüsch auf und queren direkt vor unserer Nase die Straße. Giraffen, endlich Giraffen! Doch wo kleine sind, müssen auch große sein. Siehe da! Direkt rechts von uns steht eine ganze Großfamilie dieser Langhälse. Als wir anhalten, kommen sie hinter den Bäumen hervor und stellen sich stolz in Pose, als wüssten sie um ihre Wirkung. Die Strecke wird jetzt kurviger und gewinnt an Höhe. Zwischen zwei Berghängen überqueren wir den 10 km langen Grootberg-Pass. Als wir auf seiner Kuppe angekommen sind, eröffnet sich ein atemberaubender Blick über die endlos weite, von wuchtigen Tafelbergen gesäumte Ebene, deren rote Erde einen wunderschönen Kontrast zu dem satten Grün der Bäume liefert. Nach 4 Stunden Fahrt erreichen wir Sesfontein, einen trostlos wirkenden, staubigen Ort im Nordwesten Namibias. Wir bleiben heute in einem kleinen, freundlichen Gästehaus, das wie eine erfrischende Oase wirkt. Aus einer Spelunke nebenan, in der sich die Dorfjugend versammelt hat, wummern stundenlang die Bässe aus den Boxen. Wer kann ihnen das schon verdenken hier mitten im Nirgendwo? (Autor: Burak)
Donnerstag, 02.11.2023: Überraschung am Wegesrand
Beim Frühstück fachsimpeln wir mit drei Österreichern über Routen und Campingplätze in Namibia. Die Österreicher wollen heute tief ins wilde Kaokoveld ganz im Westen fahren, um unbedingt die seltenen Wüstenelefanten aufzuspüren. Wir entscheiden uns für die nördliche Route und werden, wenn alles klappt, nachmittags den Kunene, Grenzfluss zwischen Namibia und Angola, erreichen. Nach einer Stunde Fahrt fallen mir entlang der Piste Pferdeäpfel auf, sehr viele und große noch dazu. Schon komisch. „Quatsch! Das ist Elefantenmist“, sagt Burak im Brustton der Überzeugung, “Und zwar frischer! Die müssen hier ganz in der Nähe sein.“ Kaum gesagt, stoppt er plötzlich den Wagen und zeigt nach rechts. Was für ein Glück! Zwei junge Wüstenelefanten stehen wenige Meter von uns am Straßenrand und knabbern seelenruhig an den frischen Blättern eines Strauches. Völlig ergriffen genießen wir den friedlichen Anblick und schießen ausgiebig Fotos. Da es nur wenige hundert Wüstenelefanten überhaupt im Damaraland gibt, ist diese Begegnung ein großer Zufall. Viele Reisende bekommen niemals einen zu Gesicht. Auf der Weiterfahrt machen wir auf halber Strecke einen Tankstopp in Opuwo. Diese Kleinstadt mit knapp 10.000 Einwohnern ist ein Schmelztiegel verschiedener afrikanischer Ethnien. Ich beobachte stolze Herero-Frauen in ihren prunkvollen Gewändern, die barbusigen Himba-Frauen mit ihrer traditionell lehmrot gefärbten Haut und selbstbewusste junge Frauen in Designerkleidung. Wir verlassen diese quirlige Stadt und fahren noch weitere drei Stunden durch das Land der Himbas mit den typischen Rundhütten aus Stroh und Lehm. Dann erreichen wir die Epupa-Fälle des Kunene-Flusses. Wir schlagen hier unser Nachtlager direkt an der angolanischen Grenze auf und fallen am Ende eines langes Tages mit dem Rauschen der Wasserfälle im Ohr müde in den Schlaf. (Autorin: Marion)


Freitag, 03.11.2023: Entschleunigung am Grenzfluss
Was für eine Tour! Diese Zwischenbilanz kann sich wahrlich sehen lassen: In den ersten 3 Wochen unserer Reise haben wir fast 4.000 km hinter uns gelassen. Zuerst ging es von der Hauptstadt Windhoek im Zentrum Namibias geradewegs nach Süden bis zum Orange River, dem Grenzfluss zu Südafrika. Dann durchquerten wir Namibia in zahlreichen Etappen komplett von Süden nach Norden und sitzen jetzt hier auf der Terrasse unserer Lodge direkt am Ufer des Kunene, dem nächsten Grenzfluss. Am gegenüberliegenden Flussufer erheben sich zum Greifen nah die Berge Angolas. Das Wasser des Kunene drängt durch die Stromschnellen des steinigen Flussbetts, um dann tosend an den Epupa-Fällen hinabzustürzen – maximal 50 m vor unserer Nase! Hier an einem der insgesamt nur 4 ständig Wasser führenden Flüsse Namibias ist in der Wüste eine paradiesische Oase entstanden. Üppige Vegetation zu beiden Seiten des Kunene, überall hochgewachsene Palmen und kräftige Affenbrotbäume und am Flussufer dichtes Buschwerk. Der Fluss sorgt für eine angenehme Luft, keine Spur von der brütenden Hitze der letzten Wochen. Nur zu gerne würde ich die wenigen Schritte zum Ufer gehen und ein erfrischendes Bad im kühlen Flusswasser nehmen. Doch ich bin gut beraten, den Verlockungen dieses Paradieses zu widerstehen. Die Krokodile des Kunene sind dafür bekannt, dass sie besonders hungrig und vielleicht deswegen auch besonders groß sind. Noch habe ich keines gesehen, doch irgendwie fühle ich mich beobachtet. (Autor: Burak)
Samstag, 04.11.2023: Ausflug in eine fremde Welt
Heute müssen wir früh aufstehen, denn wir haben einen Ausflug in ein Himba-Dorf gebucht. Hier im Kaokoveld, entlang des Kunene, liegt das klassische Siedlungsgebiet dieser letzten Halbnomaden Namibias. Uns ist etwas mulmig zumute, denn wir sind nicht aus auf eine „Menschenschau“, in der nur gegen Geld für uns Touristen getanzt und gesungen wird. So treffen wir dann um 8 Uhr unseren Guide und los geht‘s mit dem Safariwagen. Nach kurzer Fahrt kaufen wir in einem kleinen Markt noch unsere Gastgeschenke ein: drei große Säcke Maismehl, Milchprodukte und Kleinigkeiten für die Kinder. Danach holpern wir über Stock und Stein dem kleinen Himba-Dorf entgegen, dessen fünf Rundhütten aus Lehm um einen inneren Kraal liegen. Hier halten wir zunächst in respektvoller Entfernung an und unser Guide, selber ein Himba, erklärt uns den Aufbau des kleinen Dorfes und einige Begrüßungsfloskeln in Himba-Sprache. Bei unserer Ankunft werden wir dann sehr freundlich von den vier Frauen samt Kindern des Dorfoberhauptes begrüßt. Kurz darauf folgt dieser auch selber und so können wir unsere neuen Sprachkenntnisse zur Freude der Himba gleich anwenden. In den nächsten zwei Stunden, die wir im Dorf verbringen, erhalten wir einen Einblick in das Leben dieser für uns so steinzeitlich wirkenden Menschen. Da die Himba nicht christianisiert sind, gehen sie mit ihrer teilweisen Nacktheit ganz natürlich um. Wir dürfen auch in eine Rundhütte kriechen und alle möglichen Fragen stellen. So bekommen wir ausführliche Erklärungen zu ihrer Lebensweise wie Familie und Ehe, Körper- und Kopfschmuck und wichtige Rituale. Es herrscht eine offene und lustige Atmosphäre. Wir bekommen auch einige Fragen zu unserem Leben gestellt und lachen gemeinsam über manche Unterschiede der Kulturen. Zum Schluss werden uns noch unaufdringlich einige Souvenirs angeboten und wir entscheiden uns für eine handgefertigte Holzpuppe als Andenken an dieses schöne Erlebnis. (Autorin: Marion)


Sonntag, 05.11.2023: Und langsam fließt der Kunene
Gegen 10 Uhr verlassen wir die Epupa Falls Lodge, unsere Unterkunft der letzten zwei Tage. Die Route verläuft heute schnurstracks nach Osten, immer entlang des Kunene, dem Grenzfluss zwischen Namibia und Angola. Die Zufahrt zur Uferstraße gestaltet sich jedoch schwierig. Unser Navi leitet uns erst mitten durch ein Himba-Dorf und dann über Stock und Stein. Nach einem engen steilen Anstieg stehen wir urplötzlich vor einem mindestens genauso engen und steilen Abhang, der einer Geröllhalde gleicht. Spätestens jetzt werden wir stutzig. Das kann doch nicht die Zufahrt zur Straße entlang des Flusses sein! Fast wie inszeniert taucht auf einmal aus dem Nichts eine Himba-Frau auf, die einen großen Korb auf dem Kopf balanciert. Mit Händen und Füßen machen wir ihr klar, dass wir zur Uferstraße wollen. Gestikulierend deutet sie uns an, dass wir umkehren und einen anderen Weg nehmen müssen. Wir steigen aus, räumen einige stattliche Steinbrocken weg und wenden auf engstem Raum in gefühlt 20 Zügen. Bevor wir erleichtert davonziehen, verabschieden wir uns bei unserer guten Fee mit den Worten „Okuhepa“ (Danke) und „Kara nawa“ (Auf Wiedersehen). Sie strahlt übers ganze Gesicht und winkt uns so lange zu, bis wir aus dem Blickfeld verschwunden sind. Der frühe Tag hat uns schon zwei Dinge gelehrt: Ein paar Worte in einheimischer Sprache können Wunder wirken und vertraue niemals blind Google Maps. Kurz darauf sind wir auf der staubigen Schotterpiste entlang des Kunene. Es geht rauf und runter wie auf einer Achterbahn und immer wieder müssen wir steinige, teils felsige Passagen befahren. Die Fahrt ist anstrengend, aber die Ausblicke an den Bergkuppen über den Fluss bis weit nach Angola entschädigen für die Mühen. Nach etwa 100 km und 3,5 Stunden erreichen wir unsere Campsite am Flussufer. Hier bietet sich uns ein Kontrastprogramm zu den letzten Tagen. Das wilde Tosen der Epupa-Fälle ist weg, dafür fließt der Kunene still und einsam vor sich hin. Ein schöner Ort zum Verweilen. (Autor: Burak)
Montag, 06.11.2023: Abschied vom Himba-Land
Nun verlassen wir die herrliche Flusslandschaft ganz im Norden Namibias und fahren ins Landesinnere. Weniger schön ist der Zustand der Strecke, die uns wieder mal den letzten Nerv raubt. Man kann eben nicht alles haben: (Fast) unberührte Natur heißt eben oft auch grottenschlechte Piste. Was uns hier im Nordwesten besonders nachdenklich gemacht hat, ist die große Anzahl bettelnder Kinder am Straßenrand. Vorwiegend aus Himba-Familien stammend besuchen diese Kinder keine Schule, sondern stellen sich jedem Touristenauto in den Weg, um nach Geld oder Geschenken zu fragen. Unzählige Male am Tag wiederholt sich dieses Spiel, so dass wir letztendlich froh sind, das Himba-Land hinter uns zu lassen. Ein Tankstopp ist heute im 60 km entfernten Ort Ruacana geplant, bevor es weiter Richtung Süden zum Etosha-Nationalpark geht. Aber als wir an der Tankstelle ankommen, die böse Überraschung: Der Diesel ist ausverkauft. Uups, und jetzt? Zum Glück gibt es 50 km weiter eine neue Tankstelle, wie uns der freundliche Tankwart erklärt. Dort können wir dann endlich tanken und noch ein paar Vorräte einkaufen. Kurz vor Erreichen von Etosha müssen wir noch eine Kontrollstation am Veterinärzaun passieren. Damit die Maul- und Klauenseuche nicht vom Norden in den Süden des Landes eingeschleppt wird, dürfen keine frischen Fleisch- und Milchprodukte eingeführt werden. Nach kurzer Kontrolle unserer Kühltruhe können wir weiterfahren. Nachmittags schlagen wir unser Lager im Hobatere Roadside Camp auf, nur wenige hundert Meter vor den Toren des Etosha-Nationalparks. Hier sollen nachts Löwen durch das nicht eingezäunte Camp wandern. Ob ich heute Nacht wohl gut schlafen werde? (Autorin: Marion)


Dienstag, 07.11.2023: Kein Herr der Fliegen
Wir bleiben noch einen weiteren Tag auf unserer Campsite unweit des Galton-Gates, dem westlichen Eingang zum Etosha-Nationalpark. Ausschlafen, entspannt frühstücken und in den Tag hineinleben fühlt sich mittlerweile wie ein Verwöhnprogramm in einem Wellness-Hotel der höheren Preisklasse an. Wäre da nicht die Hitze, die schon am Vormittag den Schweiß aus jeder Hautpore treibt, und tausende kleinster Fliegen, die offenbar genau auf diesen Moment nur so gewartet haben. Die Dinger haben vor keiner Körperöffnung Respekt. Egal ob Nase, Mund oder Ohren, überall habe ich sie heute schon zigfach herausgepult. Manchmal aber auch nicht – zumindest fühlt es sich so an. Ich bin dermaßen mürbe gekocht, dass ich ins stickige Zelt steige. Dort kommen diese Plagegeister zwar nicht hin, aber der Sauerstoffmangel lässt Gewaltphantasien in mir hochkochen: „Ich gehe jetzt runter und zeige es diesen Biestern. Einer reiße ich die Flügel aus und entlasse sie in die trügerische Freiheit. Eine andere schlage ich nur leicht, dass sie benommen ist, und spüle sie dann das Klo hinunter.“ Nach einem tranceartigen Nickerchen komme ich wieder zur Besinnung und frage mich: „Wer ist hier eigentlich die Bestie: Mensch oder Fliege?“ Als ich noch halb benommen vom Zelt hinuntersteige, ist ein lauer Wind aufgekommen und die Fliegen sind fast alle verschwunden. Endlich komme ich dazu, unbehelligt in den Reiseführern zu stöbern. Ab morgen steht wieder ein strammes Programm an. Wir werden vier Tage durch den Etosha-Nationalpark fahren, einem der tierreichsten Gebiete des südlichen Afrika. Ich hoffe auf viele interessante Tiersichtungen und weniger dumme Gedanken. (Autor: Burak)
Highlight der Woche:
Besuch bei den Himba im Kaokoveld
Bild der Woche:


Hallo liebe Marion, lieber Burak,
ein etwas kühler, nasser Samstagmorgen in wilden Südwesten Deutschlands und da sind eure Reiseberichte eine wunderbare Erinnerung an ein faszinierendes Namibia. Und es tut der Seele einfach gut einzutauchen in andersartige Landschaften, Tiere und nicht zu vergessen, Menschen.
Vielen Dank und euch weiterhin alles Gute und ich bin gespannt, ob euch der Caprivi-Zipfel genauso gut gefällt wie mir.
Herzliche Grüße von Carmen
P.S. in Island hatten wir es kuschlig warm- bis auf die kurzen Ausflüge in der Nacht ins Freie um die Nordlichter zu bewundern 😉
Hallo Carmen,
schön, dass wir dir im herbstlichen Deutschland wenigstens ein paar warme Gedanken bereiten können.
Wir sind noch 2 Tage im Etosha-Nationalpark und fahren dann so langsam in Richtung Caprivi-Zipfel und Botswana und sind jetzt schon echt gespannt, was uns erwartet. Die Natur wird sicher eine ganz andere sein als im trockenen Kernland Namibias.
Viele liebe Grüße,
Marion und Burak
PS: Sicher, wenn man sich in Island in beheizten Räumlichkeiten aufhielt, war es behaglich. 😉 Und draußen hatten wir uns ja eh viel bewegt, so dass einem schnell warm wurde.