Seychellen, Oktober 2009 – Die Wanderung meines Lebens

Haus auf La Digue
Der verhängnisvolle Zettel

Schauplatz war die Seychelleninsel La Digue, auf der wir beim Inselhüpfen Station gemacht hatten. Am Vortag jener denkwürdigen Wanderung umrundeten wir mit klapprigen Leihfahrrädern das urige Eiland. Durstig geworden stoppten wir an einem Straßenstand, um eine frische Kokosnuss zu schlürfen. Da weckte ein bunt bedruckter Zettel am Zaun unsere Aufmerksamkeit: HIKE TO ANSE MARRON WITH RONDY AND HIS DOG. Zu sehen war ein lächelnder Rasta mit Golden Retriever – sehr sympathisch.

Wanderlust …

Da sich die kleine, fast autofreie Insel am besten zu Fuß erkunden lässt, hatten wir für den nächsten Tag eigentlich einen Aufstieg auf den Inselberg geplant. Aber durch diesen Zettel am Zaun war unsere Abenteuerlust geweckt, denn von der legendären Wanderung um die Südspitze La Digues hatten wir bereits gehört. Sie wird nur mit einheimischem Guide empfohlen und führt über Stock und Stein auf geheimen Wegen zu den einsamsten Stränden. Genau das Richtige für Wagemutige mit guter Kondition. Wir fühlten uns angesprochen.

… trifft Übermut

Wäre es dann nicht schlau, beide Strecken miteinander zu kombinieren? Zuerst der Aufstieg auf 333 Meter, dann an der Ostflanke runter bis zum Meer und schließlich die Umrundung der Südspitze. Entspannt an einem Tag zu schaffen, dachten wir. Begeistert von unserer Idee wählten wir die Telefonnummer vom Zettel und hatten Rondy direkt an der Strippe. Unsere Frage nach der Machbarkeit beantwortete unserer zukünftiger Guide mit einem gedehnten „No problem“. So weit, so gut. Doch spätestens bei der Abholung am nächsten Morgen, als Rondy zwar ohne Hund aber mit Machete vor uns stand, hätte ich so langsam stutzig werden sollen.

Unser Guide Rondy
Blick vom Inselberg Nid d´Aigle
Zwei ahnungslose Touristen im Schlepptau

So stapften wir um 9 Uhr morgens bei 29 °C Außentemperatur und gefühlten 80 % Luftfeuchtigkeit los. Irrsinn made in Germany! Rondy barfuß mit Machete, wir in unseren neuen Wanderschuhen. Der steile Anstieg bei der herrschenden Schwüle war schweißtreibend. Aber am Gipfelpunkt angekommen bot sich uns ein herrliches Panorama. Der kleine Hauptort La Passe mit der Jetty lag zu unseren Füßen. Es eröffnete sich ein weiter Blick über das Meer und die Nachbarinseln. Einfach grandios! Wir hatten eine Stunde für den Aufstieg gebraucht und waren zuversichtlich, in einer weiteren Stunde wieder das Meer zu erreichen.

Machete sei Dank!

Irgendetwas stimmte hier nicht. Seit einer guten halben Stunde liefen wir bergab. Falsch! Wir liefen im Schneckentempo den serpentinenartigen Pfad hin und her. Und eigentlich war es auch gar kein Pfad mehr, sondern längst Urwald. Mit der Machete bahnte uns Rondy den Weg, indem er die Büsche des zugewachsenen Pfades zur Seite schlug und umgestürzte Bäume aus dem Weg räumte. Handtellergroße Spinnen in riesigen Netzen säumten den Weg. Unsere Konzentration galt dem glitschigen Boden, um nicht über hochstehende Wurzeln zu stolpern oder auf im Laub verborgene Tausendfüßler zu treten. Uns wurde klar: Hier war wohl seit langer Zeit kein Mensch mehr gewandert.

Allein auf dieser Welt

Zweieinhalb Stunden später setzte ich mit einem Seufzer meinen Fuß auf den weißen Sand der Anse Cocos. Diese geschützte sichelförmige Bucht war eine einzige Einladung zum Baden. Aber ein plötzlicher Wolkenbruch trieb uns wieder zurück in den Wald. Auf dem Pfad ging es rauf und runter und zwischendurch boten sich wunderschöne Ausblicke. Wir liefen an Felsen vorbei, über kleine Holzbrücken und durch den Dschungel. Dann lag sie vor uns, die gar nicht mal so kleine Petite Anse. Wild, menschenleer und atemberaubend. Ein Bretterverhau mit leeren Ölfässern und Baumstümpfen zum Sitzen stand als verlassene Strandbar am Ende der Bucht. „Mmh, nobody there.“ murmelte Rondy. Er hatte sich wohl schon auf eine Erfrischung und einen kleinen Plausch mit dem Barbesitzer gefreut.

Bucht Petite Anse
Wanderschuhe schwimmen nicht

Hatte uns Rondy nicht vorgewarnt? Oder hatten wir vielleicht geglaubt, unsere schönen neuen Wanderschuhe würden der Sumpflandschaft schon trotzen? Plötzlich standen wir bis zu den Knöcheln im Wasser, das sich gurgelnd in meine neuen Schuhe ergoss. Schlagartig erinnerte ich mich wieder, im Reiseführer was von wassertauglicher Fußbekleidung gelesen zu haben. Wie dumm, denn nun mussten wir den weiteren Weg in nassen Schuhen laufen. Keine Zeit darüber nachzudenken, denn die Wanderung führte nun über kleine und größere Steine und erforderte unsere volle Konzentration. Als wir nachmittags gegen halb zwei völlig erschöpft endlich in der großartigen Grand Anse ankamen, war ich einfach nur erleichtert. Sehr weit konnte es jetzt ja nicht mehr bis zum Mittagsstopp in der Anse Marron sein, oder? 

Erst Hölle …
Blut, Schweiß und Tränen

Unverdrossen ging es weiter über Strandwege, Palmenpfade und blank polierte Felsen bis zum Grand Cap, der Südspitze La Digues. Eine unwirkliche schöne Landschaft mit Granitformationen wie Kunstwerke, vom Meer wild umbrandet. Doch jetzt standen wir vor der größten Herausforderung der Wanderung. Vor uns lag eine hohe Wand aus Granitfelsen. Von metertiefen Spalten und Höhlen durchzogen und ohne jeglichen ersichtlichen Pfad. Rondy erklärte uns ruhig jeden Schritt auf dieser nicht ungefährlichen Strecke. Wir mussten über Felsspalten springen, auf allen vieren klettern und uns durch enge Höhlen zwängen. Das brodelnde Meer schwappte immer wieder aus den Spalten hoch und ließ die Felsen nass und glitschig werden. Erschöpft rutschte ich einige Male ab und schrammte mir Schienbein und Ellbogen auf. Tränen schossen mir in die Augen und ich hockte schluchzend auf einem Felsen. Ich war mit meinen Kräften am Ende. Rondy und Burak aber zogen mich aus der Hocke hoch und motivierten mich durchzuhalten.

Durch die Hölle ins Paradies

Und da lag sie plötzlich vor uns im Nachmittagslicht. Die ohne Übertreibung schönste Bucht, die ich je in meinem Leben gesehen hatte. Beherzt meisterte ich den Abstieg zur Anse Marron. Durch Granitfelsen abgetrennt bildeten sich dort kleine, geschützte Meerwasserpools. Nun war ich nicht mehr zu halten und endlich, endlich konnte ich mich im türkisblauen Wasser erfrischen. Derweil erschien Rondys Kollege auf der Bildfläche, um für uns frisch gefangenen Fisch zu grillen und eine köstliche tropische Fruchtplatte aus frischer Mango, Bananen, Sternfrucht und Javaapfel zuzubereiten. Eine Stunde durften wir an diesem paradiesisch schönen Ort verweilen, der die Anstrengung der letzten Stunden (fast) vergessen ließ. Das einmalige Erlebnis beflügelte uns für den letzten Abschnitt der Wanderung, die noch weitere zwei Stunden in Anspruch nehmen sollte.

… dann Paradies
Meeresschildkröte bei der Eiablage
Von neuen Eiern und toten Handys

Weiter gingen wir durch den Palmenwald, bevor uns ein Pfad wieder zurück ans Meer führte. Plötzlich stoppte Rondy und deutete uns ganz still zu sein. Er zeigte auf die Mangroven am Strand und wir konnten kaum glauben, was wir da sahen: Eine große Meeresschildkröte im Unterholz bei der Eiablage. Was für ein Naturschauspiel exklusiv für uns! Als sie uns bemerkte, hielt sie kurz inne. Dann aber folgte sie wieder ihrem natürlichen Instinkt und fing an, ihr Nest zu vergraben. Noch völlig verzaubert von unseren Eindrücken machten wir uns wieder auf den Weg. Der letzte Kilometer hatte es dann noch mal richtig in sich. Um einen großen Felsen im Meer zu umrunden, mussten wir durch hüfthohes Wasser gehen, Rucksack und Kamera hoch über dem Kopf. Kein Problem für mich, da meine Wanderschuhe ja bereits ruiniert waren. Auf halber Höhe wurde Burak unglücklich von einer Welle getroffen. Seitdem wissen wir: Handys mögen kein Meerwasser.

Liebe

Es dämmerte schon, als wir nach neun Stunden unser Ziel erreichten: die wunderschöne Anse Source d’Argent. Wer an die Seychellen denkt, hat diesen Strand vor Augen. Eine grandiose Kulisse mit den typischen großen Granitfelsen umgeben von Palmen, türkisblauem Wasser und weißem Sand. Nicht umsonst wurde genau hier die berühmte Bacardi-Werbung gedreht. Unser Timing konnte besser nicht sein. Der Traumstrand war fast menschenleer und der perfekte Abschluss dieses großartigen Tages. Hätte ich vorher gewußt, was da auf mich zukommen sollte – wer weiß? Vielleicht wäre ich lange im Bett geblieben, hätte tagsüber an einem der schönen Strände gechillt und dabei nichts weniger verpasst als die Wanderung meines Lebens. So aber hatte sich am Ende jeder Schweißtropfen mehr als gelohnt und spätestens seit diesem Tag weiß ich: I love Seychelles!

Anse Pierrot
„Bacardi-Strand“ Anse Source d´Argent

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen
Cookie Consent mit Real Cookie Banner